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Essstörungen erkennen und Hilfe finden – Vorbeugung und Behandlung

von Dr. Silvia Nold

Magersucht, Bulimie, Binge Eating und Orthorexie: Essstörungen nehmen stetig zu. Grund ist unter anderem ein von den Medien beeinflusstes Idealbild des Körpers. Doch du kannst hier ganz bewusst gegensteuern.

Was sind Essstörungen?

Essstörungen sind psychosomatische Erkrankungen und werden immer häufiger, vor allem bei jungen Mädchen. Doch nicht hinter jedem auffälligen Essverhalten und jeder Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper steckt immer eine Essstörung. Der Übergang ist fließend.

Hier erfährst du mehr über die drei häufigsten Essstörungen: Magersucht, Bulimie und Binge Eating. Auch ein neues Phänomen, die Orthorexie, wir erklärt. Du findest hier auch Informationen darüber, welche Ursachen Essstörungen haben. Von Bedeutung sind hier vor allem die Fragen: Wie wichtig sind uns unsere Figur und unser Gewicht für unser Selbstwertgefühl? Wie sehr beeinflussen uns die Medien und bestimmte, oft unrealistische Schönheitsideale? Und wie kann man sich diesem Einfluss (zumindest zum Teil) entziehen?

Welche Essstörungen gibt es?

Die von der Zeitschrift BRAVO initiierte „Dr. Sommer Studie“ zeigte, dass von 2006 bis 2009 die Zufriedenheit junger Mädchen mit ihrem Körper stark abgesunken war. Nur noch knapp die Hälfte der Jugendlichen war zufrieden mit ihrem Gewicht, dabei hatten 78 Prozent der Mädchen ihr Normalgewicht. Drei Jahre vorher waren es noch zwei Drittel, die zufrieden mit ihrem Gewicht waren.

Entsprechend nehmen auch die Zahlen von Essstörungen zu, die oft durch ein falsches Selbstbild und ein schlechtes Selbstwertgefühl verursacht werden. Die drei häufigsten und bedeutsamsten Essstörungen sind die Magersucht, die Bulimie und die Binge-Eating-Störung. Insgesamt leiden hierzulande aktuell rund 1,1 % der Frauen unter Magersucht, 0,3 % unter Bulimie und 0,1 % unter einer Binge-Eating-Störung (1). Bei den Männern sind es deutlich weniger, die Magersucht und Bulimie haben. Von Binge Eating sind sie jedoch genauso oft betroffen wie Frauen. In einer Untersuchung deutscher Forscher ergab sich, dass 2,2 % aller Frauen und 0,7 % aller Männer irgendwann in ihrem Leben unter einer Essstörung leiden (2). Oft sogar schon im Kindesalter.

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Hier findest du Kurzbeschreibungen der drei wichtigsten Essstörungen sowie der Orthorexie

Magersucht (Anorexia nervosa)

Magersucht ist mit einem Gewichtsverlust verbunden. Typisch ist ein BMI (Body-Mass-Index) von 17,5 oder weniger. Wie du deinen BMI testen kannst, kannst du weiter unten nachlesen. Patientinnen und Patienten mit Magersucht haben ein falsches Selbstbild. Sie sehen sich weiterhin als zu dick, egal wie dünn sie werden.

Betroffene hungern oft massiv bis hin zur völligen Nahrungsverweigerung. Manche treiben exzessiv Sport oder greifen zu Medikamenten wie Abführmitteln oder Appetitzüglern. Wer unter Magersucht leidet, hat oft das Gefühl, seinen Körper und dessen „gierige“ Bedürfnisse unbedingt bekämpfen und besiegen zu müssen. Dieser Wunsch nach Kontrolle kann so weit gehen, dass Mangelerscheinungen, schwerste körperliche Folgen oder Suizidgedanken auftreten.

Bulimie (Ess-Brech-Sucht)

Oft merken Außenstehende lange nichts davon, dass jemand unter Bulimie leidet. Das Gewicht ist oft im Normal- oder Idealbereich. Betroffene sind oft sehr auf ihre Figur bedacht. Sie treiben häufig Sport, machen Diäten oder beschäftigen sich generell sehr mit ihrem Äußeren. Typisch bei Bulimie sind Essattacken, mindestens einmal die Woche oder sogar täglich. Um die hohe Kalorienzufuhr rückgängig zu machen, wird die Nahrung wieder erbrochen.

Doch nicht alle Menschen mit Bulimie lösen nach dem Essen Erbrechen aus. In anderen Fällen sorgen Abführmittel, übermäßiger Sport oder übertrieben strenge Diäten dafür, die Kalorien wieder loszuwerden. Die schädlichen Folgen von regelmäßigem Erbrechen oder Crah-Diäten werden aus Angst vor einer Gewichtszunahme in Kauf genommen.

Binge-Eating-Störung

Binge Eating steht für Essattacken, also für Phasen mit sehr hoher Nahrungszufuhr. Manche essen auch ständig zu viel. Viele der Betroffenen denken ununterbrochen an Essen. Im Gegensatz zur Bulimie ergreifen Menschen mit Binge-Eating-Störung nach Essattacken keine Gegenmaßnahmen wie Erbrechen oder strenge Diäten. Sie sind oft (aber nicht immer) übergewichtig. Die meisten Betroffenen bewegen sich zusätzlich auch zu wenig.

Die Betroffenen leiden in der Regel sehr unter den Essattacken. Sie fühlen sich schuldig, schämen sich und verachten sich oft selbst dafür. Die Folge sind psychische Probleme, aber auch körperliche Beschwerden durch Übergewicht und unausgewogene Ernährung.

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Orthorexie (Orthorexia nervosa)

So nennt man eine zwanghafte Beschäftigung mit gesundem Essen. Menschen mit Orthorexie beschäftigen sich exzessiv mit der Qualität und den Inhaltsstoffen ihres Essens. Selbst auferlegte Regeln zum Essverhalten bestimmen den Alltag und können enormen psychischen Druck auslösen. Häufig gibt es Verbotslisten, auf denen beispielsweise Zuckerhaltiges, Milchprodukte, Pasta oder Fast Food stehen. Der große Unterschied zu ernährungsbewussten Menschen ist, dass im Falle einer Orthorexie Stimmung und Selbstwertgefühl davon anhängig gemacht werden, wie gut es gelingt, sich an die strengen Essensregeln zu halten.

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  • 188 Seiten - 08.12.2014 (Veröffentlichungsdatum) - CreateSpace Independent Publishing Platform (Herausgeber)

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Habe ich eine Essstörung?

Bist du dir nicht sicher, ob du eine Essstörung hast oder darauf zusteuerst? Oder vermutest du, dass jemand im engeren Bekanntenkreis betroffen sein könnte? Dann kann es hilfreich sein, erst einmal einen Online-Test zu machen. Dieser kann oft eine erste grobe Einschätzung geben und einen Anreiz liefern, das Problem anzuerkennen und daran zu arbeiten.

Gute Tools dafür bietet zum Beispiel die Selbsthilfegruppe ANAD e.V. (Anorexia Nervosa and Associated Disorders). Auf deren Webseite findest du einen BMI-Rechner, der zeigt, ob das Gewicht normal ist. Außerdem kann man sein Essverhalten testen.

Was ist die Ursachen einer Essstörung?

Heutzutage gewinnt die „body positive“ Bewegung immer mehr an Bedeutung und Sendungen wie „Germany‘s Next Topmodel“ werden häufig kritisiert. Dennoch sieht sich ein großer Teil der jungen Mädchen diese und ähnliche Sendungen an. Alleiniger Grund für Essstörungen sind die Medien natürlich nicht, aber sie tragen doch stark zu einem falschen Idealbild bei. In einer Studie gab im Jahr 2015 immerhin ein Drittel der befragten Patientinnen an, dass die Sendung „Germany‘s Next Topmodel“ ihre Krankheitsentwicklung entscheidend mit geprägt hat (3).

Nicht nur dort, auch in den sozialen Medien, in Filmen und Magazinen werden Frauen gezeigt, deren Körper für den Großteil aller anderen Mädchen und Frauen nicht mit gesunden Mitteln erreichbar ist. Gerade bei jungen Mädchen oder Frauen mit geringem Selbstwertgefühl kann dadurch die Entstehung von Essstörungen begünstigt werden (3).

Es spielen aber fast immer auch noch andere Faktoren eine Rolle, die sich gegenseitig verstärken oder ergänzen.

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Seelische Thematiken hinter einer Essstörung

  • Geringes Selbstwertgefühl: Fast alle Menschen mit Essstörungen haben ein wenig ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Einige von ihnen waren früher dick oder wurden mit abfälligen Bemerkungen gehänselt.
  • Erbliche Veranlagung: Oft spielen die Gene bei Essstörungen eine Rolle. Vor allem bei Magersucht ist bekannt, dass Veränderungen im Serotonin- und Dopaminstoffwechsel des Gehirns die Erkrankung begünstigen können.
  • Unrealistische Schönheitsideale: Wie oben schon erwähnt spielt ein in den Medien und generell in unserer Gesellschaft propagiertes Schlankheitsideal oft eine Rolle bei der Entwicklung von Essstörungen.
  • Überhöhter Leistungsanspruch: Frauen und Mädchen mit Magersucht sind oft perfektionistisch oder stammen aus Familien mit starkem Leistungsdenken. Dieser hohe Anspruch an sich selbst wird dann oft auf den Körper und das Aussehen übertragen.
  • Neigung zu Suchtverhalten: Familiäre Verhältnisse, in denen Süchte eine Rolle spielen, können Essstörungen begünstigen.
  • Körperoptimierung wird zur „Ersatzreligion“: Nicht nur in den Medien, sondern in der ganzen Gesellschaft werden „Body Transformation“, Körperoptimierung, Schlanksein, Fitness und Ernährung heute immer mehr zum Thema. Mädchen und Frauen mit Essstörungen sind besonders anfällig dafür, dabei den besonders extremen Trends zu folgen. Dies begründet sich oft in der Hoffnung, etwas zu erreichen oder zu bekommen, wonach man sich innerlich sehnt.

Wie kann ich einer Essstörung vorbeugen?

Hast du noch keine Essstörung, beobachtest jedoch bei dir selbst oder bei jemandem in deinem Umfeld eine bedenkliche Entwicklung, dann kannst du vorbeugen.

Ein erster Schritt kann sein, ganz bewusst auf das Essverhalten zu achten. Zu einem gesunden Essverhalten gehören regelmäßige Mahlzeiten, die man bewusst (ohne nebenher fernzusehen, am Smartphone zu tippen oder zu lesen) einnimmt. Für das Essen sollte genug Zeit eingeplant werden. Richte deine Sinne ganz darauf aus, das Essen als Genuss und als positives Geschmackserlebnis wahrzunehmen.

Um den Körper besser wahrnehmen zu können und deine Bedürfnisse zu erkennen, kannst du ebenfalls viel tun. Vielleicht lernst du eine Entspannungstechnik, wenn du dich gestresst fühlst. Oder du achtest ab jetzt ganz bewusst darauf, wann du dich wirklich hungrig, durstig oder müde fühlst, und folgst diesen Signalen deines Körpers.

Alle Dinge, die das Selbstbewusstsein stärken, sind ebenfalls ideal. Tue Dinge, die du gut kannst, zum Beispiel einen Sport oder ein Hobby. Engagiere dich für etwas, was dir wichtig ist. Mache dir selbst ganz bewusst immer wieder Komplimente für dein Aussehen, deine Charakterstärken und deine Erfolge. So kannst du lernen, bewusster auf deine Stärken und positiven Seiten zu achten.

Was außerdem sinnvoll sein kann:

  • Medien meiden, in denen nur „perfekte“ Menschen dargestellt werden
  • Facebook- oder Instagram-Profile nicht mehr abonnieren, die dich zu destruktiven Körpervergleichen animieren
  • Kein Gewicht unterhalb des Normalgewichtes als Diätziel setzen
  • Öfter mit Freunden gemeinsam essen
  • Regelmäßig Sport treiben, aber nicht übertreiben
  • Umgib dich möglichst oft mit Menschen, denen Gewicht und Essen weniger wichtig sind als dir

Schaffst du es nicht, diese oder ähnliche Tipps umzusetzen? Drehen sich deine Gedanken ständig nur um Essen oder Nicht-Essen, Gewicht oder einen flachen Bauch? Dominiert das Thema Essen dein gesamtes Leben? Dann steckst du vermutlich schon in einer Essstörung und solltest dir Hilfe suchen.

Kurvendiskussion: Ein Roman über Essstörungen und den Weg zu sich selbst.
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Wo finde ich Hilfe bei Bulimie, Magersucht und Binge Eating?

Der erste Schritt aus einer Essstörung ist immer, sich diese Erkrankung einzugestehen. Denn das ist es tatsächlich: Eine ernsthafte und unter Umständen sehr gefährliche Erkrankung.

Helfen können dir Beratungsstellen oder Therapieeinrichtungen für Essstörungen. Adressen von entsprechenden Einrichtungen findest du unter anderem auf den Webseiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und von ANAD e.V. Auch mit dem Hausarzt kannst du über deine Probleme sprechen und dir Tipps zu passenden therapeutischen Maßnahmen geben lassen. Oder du wendest dich an lokale Selbsthilfegruppen. Dort kannst du dich mit anderen Betroffenen austauschen, die verstehen, wie es dir gerade geht.

Möchtest du lieber anonym bleiben oder geht es dir akut sehr schlecht? Dann kannst du das Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter der Nummer Telefonnummer 0221-89 20 31 nutzen.

Tipps zum Selbstbild und Selbstwert

In diesem Video spricht Sandra über Schönheitsideale und wie man lernen kann, einen gesunden Blick auf den eigenen Körper zu haben.

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Buchtipps zum Thema Essstörungen

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Quellenangaben

  1. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: „Wie häufig kommen Essstörungen vor?“ (Webseite)
  2. Nagl M, et al. Prevalence, incidence, and natural course of anorexia and bulimia nervosa among adolescents and young adults. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2016;25(8):903-18.
  3. Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) und ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen, München: „Warum seh‘ ich nicht so aus? Fernsehen im Kontext von Essstörungen.“ ISBN 978-3-922289-99-9
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Bildquellen

  • Eine Waage aus Steinen: Anatoli Styf | Shutterstock.com